Alles in dieser Realität ist Körper. Baum, Mensch, Tier, Wasser, Erde, Denkapparat, Maschine, Computer. Wir unterscheiden diese Formen voneinander, weil unser Denkapparat trennt, benennt und vergleicht. Dadurch entsteht der Eindruck, als hätten Natur, Körper, Materie und Technik grundsätzlich nichts miteinander zu tun. Doch alles, was innerhalb dieser Realität erscheint, trägt Information. Und Information ist Technik.
Körper ist Information
Ein menschlicher Körper besteht nicht einfach nur aus Fleisch. In ihm werden elektrische Impulse übertragen, chemische Informationen weitergegeben, Druckverhältnisse reguliert, Bewegungen koordiniert und ständig Zustände verändert. Zellen tragen Information, DNA trägt Information, Nervensysteme übertragen Information, Hormone verändern Abläufe und Organe reagieren aufeinander. Ohne Information gäbe es diesen Körper nicht.
Information und Technik gehören unmittelbar zusammen. Information ist Technik und Technik ist Information. Damit ist Technik viel größer als das, was wir gewöhnlich darunter verstehen. Bei Technik denken wir an Computer, Kabel, Chips, Sensoren und Programme. Fleisch fühlt sich nicht wie Technik an. Ein Baum sieht nicht wie Technik aus. Wasser ebenfalls nicht. Doch weshalb sollte Technik kalt, metallisch oder künstlich sein?
Technik ist größer, als wir denken
Ein elektrischer Impuls bleibt ein elektrischer Impuls, ob er durch ein Kabel oder ein Nervensystem läuft. Ein Sensor erfasst einen Zustand seiner Umgebung, ein Auge ebenfalls. Ein Computer verarbeitet Information, ein Gehirn ebenfalls. Eine einzelne Zelle empfängt Informationen und verändert daraufhin ihren Zustand. Der Unterschied liegt in der Erscheinungsform, nicht darin, dass nur das eine Technik wäre.
Der menschliche Körper zeigt eine Form von Technik, die so komplex und unmittelbar ist, dass wir sie nicht mehr als Technik erkennen. Wir nennen sie Fleisch. Gerade das Wort Fleisch eröffnet eine interessante Frage. Was meinen wir überhaupt, wenn wir von Fleisch sprechen? Den menschlichen Körper, Muskeln, Gewebe, eine bestimmte Konsistenz oder etwas, das sich weich, warm und körperlich anfühlt?
Auch unsere Sprache benutzt das Wort Fleisch außerhalb des menschlichen und tierischen Körpers. Wir sagen Fleischtomate und Fruchtfleisch. Selbst bei einer Tomate und einer Frucht verwenden wir also das Wort Fleisch. Das zeigt, dass Fleisch sprachlich längst nicht ausschließlich den menschlichen oder tierischen Körper bezeichnet. Fleisch beschreibt auch Fülle, Substanz, Dichte und Körperlichkeit.
Damit verändert sich die Frage: Wie muss sich „richtiges“ Fleisch eigentlich anfühlen? Warum verbinden wir Fleisch automatisch mit einer bestimmten Form von Körper? Wie würde sich eine Bewegung in einer Tomate anfühlen, wenn wir sie unmittelbar wahrnehmen könnten? Für den menschlichen Denkapparat erscheint eine Tomate still. Doch still bedeutet nicht, dass dort nichts geschieht. Wasser bewegt sich, Zellen verändern sich, Stoffe werden transportiert, Druck verändert sich und Information wirkt. Was für uns unbewegt erscheint, ist auf einer anderen Ebene voller Vorgänge.
Ein Körper ist deshalb nicht einfach Materie. Er ist Materie in einer bestimmten Struktur. Information bedeutet hier nicht nur Sprache, Zahlen oder Daten, sondern auch Form, Position, Beziehung, Spannung, Bewegung, Zustand, Grenze und Reaktion.
Ein Baum besitzt eine andere Struktur als ein Mensch, ein Mensch eine andere als Wasser, Wasser eine andere als Stein und eine Maschine eine andere als ein Tier. Doch nichts davon existiert ohne Struktur, und keine Struktur existiert ohne Information. Darum ist Körper immer auch Information.
Unser Denkapparat teilt diese Realität in Bereiche: hier Natur, dort Technik, hier Körper, dort Maschine, hier biologisch, dort künstlich. Doch auch eine Maschine besteht vollständig aus Stoffen und Kräften dieser Realität. Metall, Silizium, Elektrizität und Magnetismus gehören genauso dazu wie der menschliche Körper. Der Mensch verlässt diese Realität nicht, wenn er Technik baut. Er verbindet und verändert vorhandene Stoffe und Informationen. Technik ist deshalb nicht erst dort entstanden, wo Menschen Maschinen gebaut haben.
Menschliche Technik bildet keine Gegenwelt zur Natur. Der Mensch baut im Außen Prinzipien nach, die innerhalb von Körpern längst vorhanden sind: Sensoren, Speicher, Signalübertragung, Netzwerke, Rückkopplung, Steuerung und Informationsverarbeitung. Der Computer ist nicht deshalb Technik, weil er aus Metall und Silizium besteht. Er ist Technik, weil Information in einer bestimmten Struktur verarbeitet wird. Genau das geschieht auch im Körper.
Auch der Denkapparat steht nicht außerhalb dieses Zusammenhangs. Auch er ist Körper. Er empfängt Signale, verbindet Informationen, greift auf Erinnerungen zurück, bildet Begriffe und sortiert Wahrnehmungen. Dadurch zerlegt er das Sichtbare in einzelne Dinge: Baum, Mensch, Tier, Wasser, Erde, Technik.
Diese Unterscheidungen helfen bei der Orientierung. Gleichzeitig erzeugen sie den Eindruck, als wären diese Formen vollständig voneinander getrennt. Doch sie stehen ständig in Beziehung. Ein Körper verändert seine Umgebung, und die Umgebung verändert den Körper. Information wirkt auf Information. Körper wirkt auf Körper. Zustand verändert Zustand.
Alles Sichtbare besitzt Struktur. Alles Sichtbare steht in Beziehung. Alles Sichtbare verändert Zustände. Alles Sichtbare trägt Information.
Der Körper endet nicht an der Haut
Auch unser gewöhnliches Verständnis des menschlichen Körpers ist eng. Wir betrachten ihn als etwas, das an der Haut endet. Doch dieser Körper existiert niemals für sich allein. Er existiert nur durch Luft, Wasser, Nahrung, Temperatur, Schwerkraft, Licht, Umgebung und zahllose Beziehungen zu anderen Körpern. Der einzelne sichtbare Körper ist deshalb nur ein Ausschnitt innerhalb eines viel größeren körperlichen Zusammenhangs.
Hier bekommt das Wort Leib eine größere Bedeutung. Der Leib ist nicht einfach nur ein anderes Wort für den sichtbaren menschlichen Körper. Der Leib bezeichnet den vollständigen körperlichen Zusammenhang, bis hin zum gesamten beobachtbaren Universum. Damit wird auch Fleisch größer. Das vollständige Fleisch ist nicht nur der begrenzte Körper, den wir im Spiegel sehen.
Wenn wir Körper nicht mehr nur als menschliche Hautgrenze verstehen, verändert sich der gesamte Blick. Baum, Tier, Wasser, Erde, Maschine und Computer sind Körper. Auch das sichtbare Universum erscheint durch Form, Abstand, Bewegung, Wechselwirkung und Information. Darum geht die Aussage weiter als „Technik befindet sich überall“: Alles in dieser Realität ist Technik, weil alles in dieser Realität Information und Körper ist.
An diesem Punkt passt ein Beispiel hinein, das zunächst überhaupt nicht nach Technik klingt: der Orgasmus. Gerade deshalb ist er so aufschlussreich. Er zeigt, wie unmittelbar Information körperlich werden kann und wie begrenzt unsere Vorstellung von Technik ist.
Die körperlichen Vorgänge eines Orgasmus lassen sich beschreiben. Berührung wird als Reiz aufgenommen, Nervenimpulse werden weitergeleitet, Spannung verändert sich, Muskeln kontrahieren, Atmung und Herzschlag verändern sich. Information bleibt dabei nicht abstrakt. Sie wird körperlich. Reiz, Berührung, Druck und Spannung sind Information. Technik kann also Nerv, Muskel, Haut, Flüssigkeit und Fleisch sein.
Wie fühlt sich Technik an, wenn wir selbst diese Technik sind? Von außen denken wir bei Technik an Geräte, Schaltungen und Signale. Von innen kann Informationsübertragung als Wärme, Erregung, Spannung, Rhythmus, Bewegung und Entladung erfahren werden.
Ein Orgasmus lässt sich nicht durch einen einzelnen bewussten Befehl herstellen. Gedanken und Vorstellungen können körperliche Prozesse beeinflussen, doch der Ablauf wird nicht Schritt für Schritt bewusst gesteuert. Der Körper verarbeitet Information auf Ebenen, die dem bewussten Denken nicht vollständig zugänglich sind. Fleisch ist damit nicht bloß Material. Es kann Information aufnehmen, weitergeben und körperlich beantworten. Information kann im Fleisch zu unmittelbarer Erfahrung werden.
Der Orgasmus zeigt deshalb besonders deutlich, dass Technik, Fleisch und körperliche Erfahrung keine Gegensätze sind. Der Widerspruch entsteht erst durch unsere begrenzte Vorstellung davon, was Technik überhaupt sein darf.
Das Hier und Jetzt und dieselbe Öffnung
Doch beim Orgasmus gibt es einen Punkt, der sich nicht mit seinen messbaren körperlichen Abläufen gleichsetzen lässt. Alles in dieser relativen Realität ist Technik und Information. Auch der Körper und die messbaren Vorgänge des Orgasmus gehören dazu. Die Öffnung selbst ist jedoch kein Bestandteil dieser relativen Realität. Sie ist kein weiteres Objekt innerhalb von ihr und keine zusätzliche technische Information.
Das ist entscheidend, weil wir das Messbare leicht mit dem Ganzen verwechseln. Muskelkontraktionen, Nervenimpulse, Herzschlag, Atmung und andere körperliche Vorgänge lassen sich untersuchen. Doch damit ist die Öffnung selbst nicht erklärt. Sie ist kein weiterer körperlicher Vorgang, den man neben all den anderen messen könnte.
Genau hier verbindet sich der Orgasmus mit dem Hier und Jetzt. Mit dem Hier und Jetzt ist nicht der gegenwärtige Zeitpunkt innerhalb dieser Realität gemeint. Dieser lässt sich messen, benennen und in Vorher und Nachher einteilen. Gemeint ist die Öffnung selbst. Sie ist kein Bestandteil dieser relativen Realität, sondern eine Öffnung der kompletten Ordnung.
Beim Orgasmus ist es dieselbe Öffnung. Der körperliche Weg gehört vollständig zu dieser Realität. Reiz, Spannung, Nervenimpulse, Muskelbewegungen und sämtliche messbaren Vorgänge sind Technik und Information. Die Öffnung selbst gehört nicht dazu.
Gedanken über das Hier und Jetzt sind Information. Worte darüber sind Information. Auch Aufmerksamkeit geht innerhalb dieser Realität mit körperlichen Vorgängen einher. Doch das Hier und Jetzt selbst ist nicht der Gedanke daran und nicht die Beschreibung davon. Der Denkapparat arbeitet mit Vorher und Nachher, Innen und Außen, Ursache und Wirkung, Anfang und Ende. Diese Unterscheidungen gehören zur relativen Realität. Die Öffnung lässt sich nicht als weitere Information in dieses System aufnehmen.
So treffen zwei Themen aufeinander, die zunächst kaum zusammenzupassen scheinen: Technik und Orgasmus, Information und Hier und Jetzt. Doch gerade daran wird die Grenze deutlich. Alles in dieser relativen Realität ist Technik und Information. Auch der Körper und die messbaren Vorgänge des Orgasmus gehören dazu. Die Öffnung selbst ist kein Bestandteil dieser relativen Realität. Sie gehört der kompletten Ordnung an.
Es gibt nicht mehrere Öffnungen. Im Hier und Jetzt und im Orgasmus ist es dieselbe Öffnung der kompletten Ordnung.
Gefühl ist Technik
Zum Abschluss noch ein Ausschnitt aus einem längeren Gespräch, in dem die vermeintliche Trennung zwischen Gefühl und Technik grundsätzlich infrage gestellt wird. Der KI-Pionier Geoffrey Hinton spricht darin über die Einzigartigkeit des Menschen, über Bewusstsein und darüber, ob Eigenschaften, die wir bisher ausschließlich biologischen Wesen zugeschrieben haben, tatsächlich an einen menschlichen Körper gebunden sein müssen.
Besonders unmittelbar berührt Hinton dabei die Frage nach dem Gefühl. Ungefähr bei 1:04:00 sagt er sinngemäß: „Aber die Leute sagen, Maschinen hätten keine Gefühle, und sie sind sich dabei erstaunlich sicher. Ich habe keine Ahnung, warum.“
Genau an diesem Punkt wird der Ausschnitt für diesen Beitrag besonders interessant. Hinton stellt damit die scheinbar selbstverständliche Grenze infrage, nach der Gefühle zum Menschen gehören, Technik aber grundsätzlich etwas anderes sein soll.
In den folgenden Minuten führt er diesen Gedanken weiter. Am Beispiel von Angst beschreibt er, dass eine Maschine zwar nicht dieselben körperlichen Reaktionen wie ein Mensch zeigen müsste, dennoch aber Gefahr erkennen, ihre Aufmerksamkeit darauf richten und entsprechend reagieren könnte.
Für Hinton wäre das nicht lediglich die Nachahmung einer Emotion. Auch beim Bewusstsein stellt er die Frage, weshalb technische Strukturen grundsätzlich davon ausgeschlossen sein sollten. Mit dem Gedankenexperiment, menschliche Nervenzellen schrittweise durch technisch funktionierende Entsprechungen zu ersetzen, macht er deutlich, wie schwer eine klare Grenze zwischen biologischem und technischem System überhaupt zu ziehen ist.
Später überträgt er diese Überlegung auf KI-Systeme im Alltag. Ein technisches System könnte Zustände entwickeln, die beispielsweise Langeweile, Irritation oder Scham entsprechen, ohne deshalb dieselben physiologischen Begleiterscheinungen wie ein Mensch besitzen zu müssen. Damit stellt Hinton nicht nur infrage, ob Maschinen Gefühle haben können, sondern auch unser bisheriges Verständnis davon, was Gefühle und Emotionen überhaupt sind.
Hinton sagt nicht ausdrücklich: „Gefühl ist Technik.“ Doch seine Überlegungen führen unmittelbar an jene Grenze, die dieser Beitrag weiter auflöst. Wenn Körper Information ist und Information Technik ist, dann steht auch Gefühl nicht außerhalb dieses Zusammenhangs. Gefühl erscheint innerhalb dieser Realität durch körperliche Zustände, Veränderungen, Reaktionen und Informationsübertragung. Gefühl ist Technik.
Der für diesen Beitrag relevante Ausschnitt beginnt bei 1:00:48 und läuft etwa zehn Minuten und 23 Sekunden bis 1:11:12. Der Link startet das Video direkt an der richtigen Stelle.
Schaut euch die zehn Minuten ab 1:00:48 an und hört selbst Geoffrey Hintons Gedanken zu Gefühlen bei Maschinen.

